Die Diskussion um Open Source in der bremischen Verwaltung ist weit mehr als eine technische Detailfrage. Es geht nicht um einzelne Programme oder die Wahl eines Office-Pakets. Es geht um digitale Souveränität – und damit um die strategische Handlungsfähigkeit unseres Stadtstaates.
Der aktuelle Senatsbericht (und die Antwort auf unsere kleine Anfrage) erkennt die grundsätzliche Bedeutung von Open Source ausdrücklich an. Herstellerabhängigkeiten sollen reduziert, offene Standards gestärkt und langfristige Optionen offengehalten werden. Das ist ein wichtiger Befund. Doch bei den Schlussfolgerungen bleibt der Bericht auffallend vorsichtig. Statt eines klaren Zielbildes dominieren Hinweise auf strukturelle Besonderheiten und Umsetzungsrisiken. Genau hier liegt das Problem.
Struktur ist kein Argument für Zurückhaltung
Immer wieder wird darauf verwiesen, dass Bremen wegen der engen Verzahnung von Landes- und Kommunalverwaltung schwer mit anderen Ländern vergleichbar sei. Das ist zutreffend – aber es ist kein Argument gegen Veränderung. Im Gegenteil: Gerade diese Verzahnung kann ein Vorteil sein. Bremen hat prinzipiell die Möglichkeit, IT-Architektur einheitlich zu definieren, Standards verbindlich festzulegen und strategische Beschaffungsentscheidungen aus einer Hand zu steuern.
Die Struktur verhindert keine Transformation. Fehlende zentrale Steuerung tut es.
Wer strukturelle Komplexität als Begründung für Zurückhaltung nutzt, beschreibt das Problem – löst es aber nicht.
Open Source ist eine Frage staatlicher Handlungsfähigkeit
Zu oft wird Open Source auf eine rein betriebswirtschaftliche Betrachtung verkürzt. Migration kostet, Schulungen sind notwendig, Übergangsphasen können Reibungsverluste erzeugen. Das stimmt. Aber eine ernsthafte Bewertung muss weiter gehen. Digitale Infrastruktur bestimmt, wie abhängig eine Verwaltung von einzelnen Anbietern ist, wie flexibel sie auf neue Anforderungen reagieren kann und wie resilient sie in Krisensituationen bleibt.
Digitale Souveränität ist keine ideologische Debatte, sondern staatliche Vorsorge. Wer kritische IT-Strukturen vollständig in proprietären Ökosystemen verankert, gibt einen Teil strategischer Kontrolle ab. Das mag kurzfristig bequem sein. Langfristig ist es riskant.
Digitale Infrastruktur entscheidet über:
- Abhängigkeiten von globalen Softwareanbietern
- langfristige Haushaltsrisiken
- Verhandlungsmacht gegenüber Konzernen
- Krisenresilienz staatlicher IT
- Innovationsfähigkeit der Verwaltung
Das größere Risiko liegt im Status quo
Im Bericht werden die Risiken einer Transformation ausführlich beschrieben. Was weniger deutlich wird, sind die Risiken des Nicht-Handelns. Jede Verlängerung bestehender Lizenzmodelle verfestigt Lock-in-Effekte. Jede weitere Systemabhängigkeit erhöht die Hürden für einen späteren Wechsel. Wer Veränderungen immer wieder verschiebt, verschiebt nicht nur Entscheidungen – er vergrößert die strukturelle Abhängigkeit.
Das größte Risiko ist nicht die Migration. Es ist das Dauer-Provisorium.
Eine fünf- bis zehnjährige Transformationsperspektive ist realistisch. Aber ohne klare Zwischenziele, verbindliche Standards und eine nachvollziehbare Roadmap bleibt sie unverbindlich. Strategie bedeutet, Prioritäten festzulegen und messbare Fortschritte einzufordern. „Open Source, wo wirtschaftlich sinnvoll“ ist selbstverständlich. Entscheidend ist, ob digitale Souveränität zum Leitprinzip erklärt wird – oder nur eine Option unter vielen bleibt.
Ohne Zielbild bleibt jede Strategie unverbindlich
Ein Zeitraum von fünf bis zehn Jahren für Transformation ist realistisch. Entscheidend ist jedoch, was in dieser Zeit konkret geschehen soll.
Notwendig sind:
- ein verbindliches „Open-Source-first“-Prinzip
- klare Architekturstandards
- offene und verpflichtende Schnittstellen
- messbare Zwischenziele
- ein transparentes Monitoring
„Open Source, wo wirtschaftlich sinnvoll“ ist kein Strategiekonzept.
Strategie bedeutet, Prioritäten zu setzen – nicht sie offen zu lassen.
Führung statt Fragmentierung
Solange Digitalisierung ressortweise organisiert bleibt und Budgets fragmentiert verwaltet werden, wird jede Reform nur Stückwerk sein. Offene Architekturen, verbindliche Schnittstellen und nachhaltige Plattformstrategien entstehen nicht nebenbei. Sie entstehen dort, wo zentrale Verantwortung, klare Zuständigkeiten und politische Prioritätensetzung zusammenkommen.
Digitale Souveränität braucht Führung – nicht bloße Verwaltung bestehender Strukturen.
Bremen steht damit vor einer strategischen Entscheidung. Wollen wir digitale Abhängigkeiten verwalten oder schrittweise reduzieren? Wollen wir technische Detaildebatten führen oder politische Gestaltungskraft zeigen?
Mut heißt nicht, morgen alles umzustellen. Mut heißt, heute ein klares Ziel zu definieren und konsequent darauf hinzuarbeiten. Als Stadtstaat mit überschaubaren Strukturen hat Bremen die Möglichkeit, genau das zu tun.
Jetzt ist der Moment, digitale Souveränität nicht nur zu beschreiben, sondern politisch umzusetzen.
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