Exzessive Social-Media-Nutzung, Suchtmechanismen, algorithmische Zuspitzung – die Probleme sind real. Wer das kleinredet, handelt fahrlässig.
Kinder und Jugendliche bewegen sich heute in einer hochoptimierten Aufmerksamkeitsökonomie. Plattformen sind nicht neutral. Sie sind auf maximale Verweildauer, Interaktion und emotionale Zuspitzung ausgelegt. Das hat Auswirkungen – auf psychische Gesundheit, auf gesellschaftliche Debatten, auf die Entwicklung junger Menschen.
Der Schutz von Kindern und Jugendlichen im digitalen Raum ist deshalb kein Nebenthema. Er ist ein politischer Auftrag.
Der Beschluss des Bundesparteitags: Ein klares Signal
Der CDU-Bundesparteitag hat sich klar positioniert und einen Beschluss zu einem Social-Media-Verbot bis 14 Jahren gefasst. Das ist ein wichtiges Signal.
Die Botschaft ist eindeutig: Wir wollen nicht tatenlos zusehen, wenn Plattformen mit Suchtmechanismen und algorithmischer Verstärkung Geld verdienen – auch auf Kosten junger Menschen.
Diese Entschlossenheit ist richtig. Aber Entschlossenheit ersetzt keine tragfähige Umsetzung.
Warum ein pauschales Verbot nicht ausreicht
Ein pauschales Social-Media-Verbot klingt entschlossen. Es bedient die Sehnsucht nach einer einfachen Antwort auf eine komplexe Frage. Doch genau hier beginnt das Problem.
Wir bewegen uns nicht im rechtsfreien Raum. Seit 2024 gilt der Digital Services Act der Europäischen Union. Große Plattformen sind verpflichtet, Risiken zu analysieren, Minderjährige besonders zu schützen und Empfehlungssysteme transparenter zu machen.
Nationale Alleingänge, die europarechtlich nicht tragfähig sind, schützen kein einziges Kind.
Hinzu kommt: Technische Altersverifikation – etwa über digitale Wallet-Lösungen – ist komplex, fehleranfällig und bislang nicht flächendeckend verfügbar. Eine Alterskontrolle, die nicht zuverlässig funktioniert, schafft Scheinsicherheit.
Und vor allem: Das Kernproblem liegt nicht bei den Kindern.
Es liegt bei den Geschäftsmodellen.
Plattformen optimieren auf Aufmerksamkeit. Algorithmische Verstärkung ist kein Zufall, sondern wirtschaftliches Design. Wer wirksam schützen will, muss dort ansetzen.
Plattformen verpflichten statt nur verbieten
Die richtige Antwort lautet daher nicht zuerst, Kindern die Plattform zu verbieten.
Die richtige Antwort lautet:
- Sichere Voreinstellungen für Minderjährige
- Begrenzung manipulativer Designs
- Transparente Algorithmen
- Wirksame Sanktionen bei Verstößen
Das schützt nicht nur Kinder und Jugendliche. Das stärkt unsere digitale Öffentlichkeit insgesamt.

Keine Schnellschüsse bei Grundrechtseingriffen
Ein Verbot greift tief in Kommunikations- und Informationsrechte von Minderjährigen ein.
Bei einem so sensiblen Thema brauchen wir belastbare Erkenntnisse, keine Schnellschüsse. Entscheidungen dieser Tragweite müssen europarechtskonform, technisch tragfähig und tatsächlich wirksam sein.
Politik darf hier nicht Schlagzeilen produzieren – sie muss Lösungen liefern.
Bildung, Medienkompetenz, Elternverantwortung
Kein Gesetz ersetzt Bildung. Kein Verbot ersetzt Begleitung.
Wenn wir nachhaltig etwas verändern wollen, beginnt das in der Grundschule. Medien- und Digitalkompetenz müssen verbindlich vermittelt werden – nicht als Projekttag, sondern strukturell. Informatik gehört in die Fläche. Kinder und Lehrkräfte müssen verstehen, wie Algorithmen funktionieren. Nur dann sind sie ihnen nicht ausgeliefert.
Und auch das ist klar: Verantwortung endet nicht beim Staat. Sie beginnt im Elternhaus.
Schutz und Freiheit gehören zusammen
Die Debatte darf nicht in ein falsches Entweder-oder kippen.
Wir entscheiden nicht zwischen Freiheit oder Schutz.
Wir entscheiden zwischen wirksamer Regulierung oder symbolischer Politik.
Kinder brauchen Schutz.
Demokratie braucht Freiheit.
Gute Politik braucht beides.
Der Bundesparteitagsbeschluss ist ein Signal. Jetzt kommt es darauf an, ihn verantwortungsvoll umzusetzen – mit klarer Plattformverantwortung, europäischer Rechtsgrundlage und einem starken Fokus auf Bildung.
Nur so entsteht echter Schutz. Nicht durch Symbolpolitik, sondern durch strukturelle Veränderung.
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