Papst Enzyklika zu KI und Digitalisierung: Magnifica Humanitas

Was eine päpstliche Enzyklika zur Digitalpolitik beitragen kann

Am 15. Mai 2026 hat Papst Leo XIV. mit Magnifica Humanitas die erste Sozialenzyklika veröffentlicht, die Künstliche Intelligenz und Digitalisierung…

Portrait Simon Zeimke

Simon Zeimke

Mitglied der Bremischen Bürgerschaft

Papst Enzyklika zu KI und Digitalisierung: Magnifica Humanitas

Am 15. Mai 2026 hat Papst Leo XIV. mit Magnifica Humanitas die erste Sozialenzyklika veröffentlicht, die Künstliche Intelligenz und Digitalisierung in den Mittelpunkt stellt. 135 Jahre nach Rerum novarum, dem Gründungsdokument der katholischen Soziallehre, die immer schon ein Grundpfeiler CDU war, wagt der Heilige Stuhl damit eine systematische Auseinandersetzung mit der wohl prägendsten Umwälzung unserer Zeit. Auch wer dem Vatikan distanziert gegenübersteht, sollte das Dokument nicht ignorieren. Es liefert Argumente, die jenseits theologischer Tradition Bestand haben – und die in einem säkular-protestantisch geprägten Bremen genauso anschlussfähig sind wie in München oder Köln.

Ich bin den Text durchgegangen und habe ihn auf das geprüft, was ich in meiner Arbeit als digitalpolitischer Sprecher der CDU-Fraktion gut gebrauchen kann. Drei Befunde finde ich besonders bemerkenswert.

Babel oder Nehemia – ein nützliches Bild für die Verwaltungsdigitalisierung

Leo XIV. stellt in der Enzyklika Magnific Humanitas zwei biblische Bauprojekte gegenüber: den Turm zu Babel, der von oben geplant wird, eine einzige Sprache vorschreibt und an seiner Anmaßung scheitert – und den Wiederaufbau der Mauern Jerusalems unter Nehemia, bei dem jede Familie einen Abschnitt zugewiesen bekommt, eigene Sorgen einbringen darf und die Stadt aus vielen Stimmen entsteht.

Man muss nicht religiös sein, um zu erkennen, dass hier das Grundproblem der deutschen (Verwaltungs-)Digitalisierung beschrieben ist. Zu oft wurde in Bremen und im Bund versucht, Digitalisierung als zentralistisches Großprojekt durchzudrücken. Das Ergebnis kennen wir: Anwendungen, die an den Bedürfnissen der Bürgerinnen und Bürger vorbeigehen, weil niemand sie gefragt hat. Die CDU-Linie ist eine andere. In unserem Positionspapier Digitalisierung in Bremen 2030 – Souverän. Offen. Wirksam. haben wir genau das formuliert: Digitalisierung muss vom Nutzen her gedacht werden, nicht von der Behördenstruktur. Das ist der Weg Nehemias.

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Die Machtfrage – und warum Subsidiarität neu zu denken ist

Der zweite wichtige Punkt: Die Enzyklika benennt klar, dass die entscheidende Macht im digitalen Raum heute nicht mehr beim Staat liegt, sondern bei einigen wenigen privaten Konzernen, die Plattformen, Daten und Rechenleistung kontrollieren. Leo XIV. zieht daraus eine Konsequenz, die mich überrascht hat: Das Subsidiaritätsprinzip, traditionell ein Schutz von Familien, Vereinen und Kommunen vor dem Übergriff des Staates, müsse heute auch gegen die übergriffige Macht globaler Konzerne wirken.

Übersetzt in unsere Bremer Debatten heißt das: Digitale Souveränität ist keine technische Spielerei und kein nostalgisches Festhalten an deutschem Eigenbau. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass Verwaltungen, Schulen und kommunale Einrichtungen überhaupt noch selbstbestimmt handeln können. Wenn das Bremer Schulsystem von der Lizenzpolitik eines US-Konzerns abhängt, ist das ein Souveränitätsproblem. Unabhängig davon, ob der Konzern gerade nett zu uns ist oder nicht.

Genau deshalb fordern wir als CDU-Fraktion konsequent Open-Source-Strategien, offene Standards und eine Stärkung europäischer Anbieter. Und genau deshalb haben wir mit unserer Berichtsbitte zur Cybersicherheitslage (Drs. 21/1717) den Senat aufgefordert, hier endlich Transparenz zu schaffen.

Menschliche Letztverantwortung – auch in der Verwaltung

Der dritte Punkt liegt mir besonders am Herzen. Die Enzyklika warnt davor, sensible Entscheidungen, etwa über Kreditvergaben, Stellenbesetzungen oder den Zugang zu Sozialleistungen, vollständig an Algorithmen zu delegieren. Sie verwendet dafür einen Satz, der mir hängengeblieben ist: Wenn niemand mehr die Last der Entscheidung trägt, wird Ungerechtigkeit lautlos.

Das ist genau das Risiko, vor dem wir uns auch in Bremen schützen müssen. KI in der Verwaltung kann eine große Hilfe sein. Sie kann Sachbearbeiterinnen und Sachbearbeiter von Routineaufgaben entlasten, Anträge schneller vorprüfen, Bürgerinnen und Bürger besser informieren. Aber die Letztentscheidung über Verwaltungsakte muss bei Menschen bleiben, die persönlich verantwortlich und ansprechbar sind. Die Erfahrungen mit fehlgeleiteten Sozialleistungsalgorithmen in den Niederlanden und Australien sollten uns eine Warnung sein. Für mich ist das aber nicht abschließend. Es muss aber eine Diskussion über weitgehende Automatisierung und ihre Grenzen in der Verwaltung geben. Dann kann es auch automatisierte Verfahren geben.

Was ich aus der Enzyklika für meine Arbeit mitnehme

Magnifica Humanitas ist kein digitalpolitisches Programmpapier, und das soll sie auch gar nicht sein. Sie ist ein Anstoß zum Nachdenken, geschrieben aus einer Tradition, die sich seit 135 Jahren mit den sozialen Folgen technischer Umwälzungen befasst. Vieles davon ist auf den ersten Blick fern von der parlamentarischen Praxis in der Bremischen Bürgerschaft. Auf den zweiten Blick aber liefert das Dokument eine Sprache und einen Argumentationsrahmen, der über die übliche Lager-Logik hinausgeht.

Ich mag den Realismus, mit dem der Papst die digitale Revolution betrachtet. Kein naiver Technikoptimismus, aber auch keine Kulturpessimismus. Stattdessen die nüchterne Frage: Dient diese Technologie den Menschen oder unterwirft sie sie? Diese Frage sollten wir uns bei jedem Gesetz, jeder Drucksache und jedem Haushaltstitel stellen, der mit Digitalisierung zu tun hat.

Für mich ist das der Maßstab, an dem wir uns in Bremen messen lassen müssen. Souverän. Offen. Wirksam. Und vor allem: für die Menschen.

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