Suizidprävention — endet nicht an der Stadtgrenze
Prävention rettet Leben — wenn sie richtig aufgesetzt ist
Über einhundert Menschen haben sich 2024 in Bremen das Leben genommen. Wer ihnen wirklich helfen will, darf sich nicht im…

Simon Zeimke
Mitglied der Bremischen Bürgerschaft

Über einhundert Menschen haben sich 2024 in Bremen das Leben genommen. Wer ihnen wirklich helfen will, darf sich nicht im falschen Instrument verlieren.
Suizidprävention gehört zu den ernstesten Aufgaben der Gesundheitspolitik. Nach den Zahlen, die im Antrag von Grünen, SPD und Linken (Drs. 21/796 S) genannt werden, haben sich 2024 in Bremen über einhundert Menschen das Leben genommen, bei einer Suizidrate von 15,3, deutlich über dem Bundesdurchschnitt von 12,4. Das ist alarmierend. Und es zeigt: Wir brauchen wirksamere Prävention.
Wer über Suizidprävention spricht, muss auch über Männer sprechen. Sieben von zehn Suizide betreffen Männer und sie melden sich am seltensten. Dass Prävention wirkt, ist kein Wunschdenken: Finnland hat seine Suizidrate über zwei Jahrzehnte halbiert, gerade bei Männern. Aber es gibt nicht den einen Faktor. Es sind viele kleine Zahnräder, die ineinandergreifen müssen. Von der wohnortnahen psychiatrischen Versorgung über die Behandlung von Depressionen und Suchterkrankungen bis zur Begleitung nach Suizidversuchen.
Der Antrag hat eine Vorgeschichte
Im März 2025 hat der Senat auf eine Berichtsbitte der Grünen selbst eingeräumt: In Bremen gibt es keine abgestimmte Suizidpräventionsstrategie (VL 21/4363). Daraufhin hat die Gesundheitsbehörde einen Fachtag mit rund 100 Fachleuten organisiert. Daraus ist ein „Netzwerk Suizidprävention” entstanden — mit 46 Interessierten, von denen beim ersten Treffen im Februar 2026 noch 30 dabei waren (VL 21/7093). Den Auftakt dieses Netzwerks hat uns der Senat im April 2026 berichtet. Und er hat es dabei selbst zweigeteilt: kommunale Koordination bei den Gesundheitsämtern, Landeskoordination bei der Senatorin.
Richtiges Anliegen, falsches Instrument
Der Antrag trägt das Kürzel „S”: er wird in der Stadtbürgerschaft gestellt und bindet damit allein die Stadtgemeinde Bremen. Die Bestandsaufnahme der Grünen war dagegen Landessache; sie lief über die Staatliche Deputation.
Das führt zu einem doppelten Problem. Vieles, was der Antrag fordert, läuft längst: Punkt 5 verlangt von der Stadt das Netzwerk, das die Gesundheitsämter bereits aufbauen. Punkt 6 fordert die Beteiligung an bundesweiten Gremien, auch das passiert schon. Man kann schlecht beantragen, was bereits läuft.
Und das, was wirklich nur das Land lösen kann, erreicht ein Antrag in der Stadtbürgerschaft gar nicht: den Datenaustausch zwischen Polizei, Staatsanwaltschaft und Kliniken, die Mitarbeit in bundesweiten Strukturen und eine Strategie, die auch Bremerhaven mitnimmt. Suizidprävention endet nicht an der Stadtgrenze. Der Antrag aber schon.
Über das Entscheidende schweigt der Antrag
Zum größten Punkt sagt er nichts: kein Wort zur Finanzierung der Netzwerkarbeit und der Umsetzung der nationalen Suizidpräventionsstrategie. Dabei liegt der entscheidende Hebel ohnehin beim Bund. Die Krisennummer 113 und das Suizidpräventionsgesetz sind Bundessache. Die Ampel hat ihr Gesetz nicht über die Ziellinie gebracht. Jetzt hat die unionsgeführte Bundesregierung die Verabschiedung für 2026 angekündigt, samt der geplanten 113, und sie mit Geld hinterlegt: Im Haushalt 2026 stehen 27 Millionen Euro für Prävention bereit, die Suizidprävention ausdrücklich genannt; bei der Drogen- und Suchtprävention werden noch einmal 4 Millionen Euro draufgelegt.
Was am Antrag richtig ist, tragen wir mit: Gatekeeper-Trainings, die bauliche Sicherung von Gefahrenpunkten, die Anbindung an die 113, sobald sie steht. Aber wir tragen keine Liste mit, die der Senat längst abarbeitet und die das eigentlich Wirksame, Versorgung und Bundesgesetz, nicht leistet. Deshalb haben wir uns enthalten: aus Respekt vor der Sache und aus Ehrlichkeit gegenüber dem Instrument.
Was Bremen jetzt braucht
- Eine echte Landesstrategie statt eines Stadt-Flickenteppichs: mit dem Land als Dach und Bremerhaven verbindlich an Bord.
- Klarheit bei der Finanzierung. Ohne gesicherte Mittel bleibt jede Netzwerkarbeit Papier.
- Versorgung stärken: Kapazitäten in Psychologie und Psychotherapie ausbauen und niedrigschwellige Anlaufstellen nicht nur fordern, sondern auch finanzieren.
- Den behördenübergreifenden Datenaustausch tatsächlich umsetzen: er ist längst Aufgabe der Senatorin auf Landesebene.
- Bremen verbindlich an die kommende Krisennummer 113 anbinden, sobald sie steht.
Wenn Sie selbst nicht weiterwissen: Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr erreichbar, kostenlos und vertraulich — unter 0800 111 0 111.