KI für Behördengänge
Bremen baut neu, obwohl Bremerhaven schon eine Lösung hat
500.000 Euro und eine neue Konzeptphase: Bremen erfindet das Rad noch einmal – während Hein Mück in Bremerhaven schon seit…

Simon Zeimke
Mitglied der Bremischen Bürgerschaft

500.000 Euro und eine neue Konzeptphase: Bremen erfindet das Rad noch einmal – während Hein Mück in Bremerhaven schon seit zwei Jahren Bürgerfragen beantwortet.
Im Februar habe ich Dustin Klepper besucht. Er ist Gründer von Neuraflow, einem Start-up aus Bremerhaven, das dort mit “Hein Mück” einen Chatbot für den Bürgerservice entwickelt hat – Matrosenkleidung, norddeutscher Schnack inklusive, und mehr als 95 Sprachen im Repertoire. Wir haben über sein Produkt gesprochen, darüber, wie es entstanden ist, und darüber, wie viele Kommunen es inzwischen einsetzen. Was mir dabei hängengeblieben ist: Bremerhaven hat dieses Problem längst gelöst. Und zwar öffentlich sichtbar, seit Juni 2024, rund um die Uhr erreichbar.
Jetzt zieht die Schwesterstadt nach – nur eben nicht mit Hein Mück, sondern mit einer komplett neuen Entwicklung. Bremen baut einen eigenen KI-Assistenten für die Verwaltung. Er hat seit Kurzem auch einen Namen: “Kompass” soll er heißen, sein Emblem zeigt einen Roboter mit Astronautenhelm. “Dem Assistenten kann man in Umgangssprache Fragen stellen”, erklärt Claudia Bollmann, stellvertretende Referatsleiterin für Digitalisierungsthemen im Finanzressort. Als Beispiel nennt sie: “Ich bin nach Bremen gezogen, was muss ich jetzt machen?”
Kompass statt Hein Mück: Bremens eigener Weg
Kompass soll fest in das Serviceportal Bremen eingebunden werden, dort, wo Bürgerinnen und Bürger ohnehin nach Verwaltungsleistungen suchen. Anders als Hein Mück greift er ausschließlich auf geprüfte Verwaltungsinformationen zu, nicht auf eine frei lernende KI. Der Senat hat das Vorhaben am 24. Februar 2026 mit 500.000 Euro aus dem Investitionssofortprogramm angeschoben. Fünf Monate später ist laut Projektstand auf dem Serviceportal die Konzeption abgeschlossen, die Vergabe abgeschlossen, die Entwicklung läuft. Ein fertiges Produkt gibt es also noch nicht.
Zum Vergleich: Bremerhavens Hein Mück ist kein Prototyp, sondern ein Produkt im Dauereinsatz. Neuraflow beliefert nach eigenen Angaben mittlerweile mehr als 100 Kommunen mit seiner Chatbot-Lösung “neurabot” – darunter Siegburg, Coburg und Freiburg. Der Assistent ist lernfähig: Weist man ihn im Test auf einen Fehler hin, etwa einen falschen Link zur Terminbuchung, entschuldigt er sich und liefert anschließend die richtige Seite. Das ist keine Zukunftsmusik, sondern läuft seit zwei Jahren live.
Warum eigentlich neu bauen?
Genau das ist der Punkt, der mich an der Sache stört. Bremen und Bremerhaven sind zwei Städte in einem einzigen Bundesland, der Freien Hansestadt Bremen. Es gibt keinen technischen, rechtlichen oder organisatorischen Grund, warum ein bereits produktiv laufendes, in über 100 Kommunen erprobtes System nicht auch für das Bremer Serviceportal hätte lizenziert oder erweitert werden können. Stattdessen läuft in Bremen seit Monaten eine eigene Konzeptions- und Vergabephase, bezahlt aus Steuergeld, für ein Produkt, das im eigenen Bundesland schon existiert.
Dass es auch anders geht, zeigt Bremen selbst: Für die interne Textarbeit in der Verwaltung nutzt die Stadt mit LLMoin einen KI-Assistenten, der nicht in Bremen entwickelt wurde, sondern aus Hamburg übernommen wurde. Dort hat man sich also bewusst gegen eine Neuentwicklung und für die Übernahme einer bestehenden Lösung entschieden. Bei Kompass fehlt genau dieser Schritt: der Blick über die eigene Zuständigkeitsgrenze hinweg, dorthin, wo eine funktionierende Lösung längst steht – in diesem Fall nicht einmal in ein anderes Bundesland, sondern in die eigene Nachbarstadt.
Ich finde: Wenn eine Verwaltung im eigenen Bundesland ein Problem bereits gelöst hat, dann ist die naheliegende erste Frage nicht “Wie entwickeln wir das?”, sondern “Warum übernehmen wir es nicht?” Genau diese Frage hätte vor der Vergabeentscheidung gestellt werden müssen, nicht erst jetzt, in einem Zeitungsartikel. Bremen leistet sich mit Kompass eine parallele Entwicklung, wo eine Anschlussentscheidung gereicht hätte – und das mit öffentlichem Geld, während die Lösung von nebenan längst beweist, dass es auch schneller und günstiger geht.