Ryanair verlässt Flughafen Bremen: 400.000 Fluggäste weniger ab 2027
Volle Flieger, gute Zahlen – und trotzdem ist Ryanair weg. Was am Bremer Flughafen schiefläuft.
Wer in den vergangenen Tagen bei Ryanair einen Flug ab Bremen für den kommenden Sommer suchen wollte, bekam ab April…

Simon Zeimke
Mitglied der Bremischen Bürgerschaft

Wer in den vergangenen Tagen bei Ryanair einen Flug ab Bremen für den kommenden Sommer suchen wollte, bekam ab April schlicht nichts mehr angezeigt. Seit heute ist klar, dass das kein Fehler im Buchungssystem war: Ryanair hat der Bremer Wirtschaftsbehörde schriftlich mitgeteilt, ab April 2027 nicht mehr ab Bremen zu fliegen. London-Stansted, Mallorca, Alicante, Málaga – mit dem Sommerflugplan ist alles weg.
Damit endet eine Verbindung, die seit rund 20 Jahren besteht. Und es geht nicht um ein paar Randstrecken. Rund 400.000 Fluggäste hat Ryanair zuletzt pro Jahr über Bremen befördert. Bei insgesamt etwa zwei Millionen Passagieren am Flughafen ist das ungefähr jeder fünfte.
Ryanair-Verhandlungen: Was der Senat erklären muss
An leeren Flugzeugen lag es nicht. Die Maschinen waren 2025 im Schnitt zu rund 88 Prozent ausgelastet. Seit September wurde verhandelt, zeitweise direkt mit dem Rathaus, und Ryanair wollte deutlich bessere Konditionen. Die geforderte Vergünstigung hätte die Flughafen GmbH rund vier Millionen Euro im Jahr zusätzlich gekostet. Eingenommen hat Bremen mit der Airline zuletzt etwa drei Millionen.
Die Erklärung des Senats geht so: Kai Stührenberg, Staatsrat für Häfen und Aufsichtsratschef des Flughafens, sagt im Interview mit buten un binnen, im März habe Ryanair den Standort noch gelobt. Danach seien Forderungen gekommen, „die in keiner Weise zu erfüllen sind – weder juristisch wegen des Beihilferechts, noch wirtschaftlich”. Man habe gedacht, „es sei ein Rechenfehler”.
Das beantwortet nicht die Frage, warum der Senat davon so kalt erwischt wurde. Zwischen dem Lob im März und dem Aus im Oktober lag ein halbes Jahr. Am 25. September verkündete der Senat die Einigung mit Lufthansa, und am selben Tag zitierte buten un binnen Ryanairs Marketingchef Marcel Pouchain Meyer: „Entscheidend ist, dass am Standort Bremen für alle Marktteilnehmer die gleichen Bedingungen gelten.” Deutlicher kann eine Airline ihre Erwartung kaum ankündigen. Und als Ryanairs Buchungsportal längst keine Flüge ab April mehr anzeigte, sagte Stührenberg dem Weser-Kurier noch: „Fakt ist, wir haben von Ryanair noch keine Absage erhalten.” Wer so verhandelt, hat die Signale entweder nicht ernst genommen oder keinen Plan für den Fall gehabt, dass die Gespräche scheitern.
Vom Senat erwarte ich deshalb Antworten. Was genau hat Ryanair gefordert, und was hat Bremen angeboten? Stührenberg sagt, die Förderung für Lufthansa gelte für alle Airlines. Wenn das stimmt: Warum hat das für Ryanair nicht gereicht, und warum wurde das nicht früher geklärt? Und wie will der Senat 400.000 Fluggäste im Jahr ersetzen, wenn Ende März der letzte Ryanair-Flug geht? Den Wettbewerbsnachteil deutscher Flughäfen, auf den Stührenberg verweist, gibt es. Er erklärt aber nicht, warum Bremen von diesem Abschied offenbar überrascht wurde.
Flughafen Bremen im Defizit: Das Problem liegt tiefer als Ryanair
Die Verhandlungen sind aber nur ein Teil des Problems. Ryanair trifft einen Flughafen, der schon vorher in Schwierigkeiten steckte. Das strukturelle Defizit ist auf rund 13 Millionen Euro gewachsen, anderthalb Jahre zuvor waren es 9,6 Millionen. Im September sagte Stührenberg auf die Frage nach einer drohenden Insolvenz: „Wir versuchen alles, diese Insolvenz zu vermeiden.” Ob das gelingt? „Nee, das weiß ich nicht.”
Im selben Gespräch fiel der Satz, der mich aufhorchen ließ: „Diese Gesellschaft ist über die letzten Jahre nicht effizient geführt worden.” Genau da liegt für mich der eigentliche Punkt. Das sagt nicht die Opposition. Das sagt der Vorsitzende des Aufsichtsrats, also des Gremiums, das die Geschäftsführung kontrollieren soll. Jetzt sollen die Sparmaßnahmen verschärft und ein Sanierungsgeschäftsführer eingestellt werden. Ziel sei die schwarze Null, aber „da sind wir noch nicht und haben einen langen Weg vor uns”.
Dazu passt der Kalender. Am 25. September kam die gute Nachricht, dass Lufthansa ab Sommer 2027 wieder täglich nach Frankfurt fliegt. Wir als CDU-Fraktion haben das begrüßt, und zwar zu Recht. Für unsere Fraktionsvorsitzende Dr. Wiebke Winter ist der Flughafen „ein zentraler Bestandteil der Infrastruktur unseres Wirtschafts- und Wissenschaftsstandorts”. Susanne Grobien hat damals schon festgehalten, worum es eigentlich geht: „Jetzt geht es darum, eine langfristige Zukunftsperspektive für den Flughafen zu schaffen und ihn wirtschaftlich stabil aufzustellen.” Elf Tage später ist jeder fünfte Fluggast weg.
Zukunft des Flughafens Bremen: Sanierungsplan statt Einzelverhandlungen
Bremen hat in diesem Herbst zweimal mit großen Airlines verhandelt, beide Male aus einer schwachen Position. Bei Lufthansa hat es geklappt, bei Ryanair nicht. Ein Regionalflughafen gewinnt keinen Preiskampf gegen Konzerne, die an Dutzenden Standorten gleichzeitig Druck machen. Wer das weiß, darf die Zukunft des Flughafens nicht weiter davon abhängig machen, wie die nächste Verhandlungsrunde in Dublin oder Frankfurt ausgeht.
Der Senat muss der Bürgerschaft deshalb einen Sanierungsplan vorlegen, der diesen Namen verdient: mit konkreten Einsparungen, einem Zeitplan und einer ehrlichen Zahl, was der Flughafen das Land in den nächsten Jahren kostet. Dazu gehört eine klare Priorität bei den Strecken. Für Unternehmen und Hochschulen zählen die Anbindung an ein Drehkreuz wie Frankfurt und eine direkte Verbindung nach London mehr als jede einzelne Urlaubsstrecke. Für London laufen nach Stührenbergs Angaben bereits Gespräche mit anderen Airlines. Ob daraus bis zum Sommer etwas wird, ist der erste Prüfstein. Und wenn der Aufsichtsrat selbst ineffiziente Führung einräumt, gehört die Aufarbeitung in die Bürgerschaft und nicht nur in ein Interview.
Ob der Senat mit Ryanair gut verhandelt hat, lässt sich von außen nur in Bruchstücken beurteilen. Deshalb gehören die Zahlen auf den Tisch. Ein Erfolg wird aus diesem Herbst erst, wenn der Flughafen ohne die nächste Rabattrunde trägt und der Senat beziffern kann, was er das Land jedes Jahr kostet. Bis dahin verhandelt Bremen aus der Defensive. Die nächste Airline weiß das genauso gut wie Ryanair.