Kinder von Inhaftierten in Bremen: Was die neue Landeskoordinierungsstelle leistet

Ein Kind hat nichts verbrochen. Und trägt die Haft trotzdem mit – still, oft allein.

Auf dem Foto halte ich ein schmales, buntes Buch in der Hand: „Papazeit – nur anders!”. Geschrieben haben es Väter,…

Portrait Simon Zeimke

Simon Zeimke

Mitglied der Bremischen Bürgerschaft

Kinder von Inhaftierten in Bremen: Was die neue Landeskoordinierungsstelle leistet

Auf dem Foto halte ich ein schmales, buntes Buch in der Hand: „Papazeit – nur anders!”. Geschrieben haben es Väter, die in der Justizvollzugsanstalt Bremen einsitzen – im Vater-Kind-Kurs, gemeinsam mit hoppenbank e.V. Kinder bekommen es kostenlos. Es erklärt, was ein Kind erlebt, wenn der Vater plötzlich nicht mehr da ist, sondern hinter einer Schleuse, mit Besuchszeiten und Antragsformularen.

Ich habe mich mit dem Team der Landeskoordinierungsstelle Kinder von Inhaftierten bei der hoppenbank e.V. getroffen. Dabei ist mir klar geworden, wie wenig über diese Gruppe geredet wird – obwohl sie größer ist als die meisten Themen, über die wir in der Bürgerschaft ausführlich streiten.

Kinder von Inhaftierten: eine Gruppe, die in keiner Statistik auftaucht

Die Schätzung, die überall zitiert wird, lautet: rund 100.000 Kinder und Jugendliche in Deutschland sind von der Inhaftierung eines Elternteils betroffen. Sie steht so beim Deutschen Institut für Menschenrechte, beim bundesweiten Netzwerk KvI und bei hoppenbank. Nur: Es ist eine Schätzung, keine Erhebung. Judith Feige, wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Monitoring-Stelle UN-Kinderrechtskonvention des Deutschen Instituts für Menschenrechte, sagt es unmissverständlich: „Genaue Zahlen gibt es leider nicht. So wird zum Beispiel nicht immer bei Haftantritt abgefragt, ob die Person Kinder hat.”

Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Ein Staat, der einen Menschen einsperrt, weiß in vielen Fällen nicht, ob dieser Mensch ein Kind hat, das am nächsten Morgen aufwacht und fragt, wo Papa ist.

hoppenbank nennt sie deshalb „eine oft unsichtbare Gruppe”. Zur Unsichtbarkeit kommt das Schweigen: Viele Familien erzählen weder in der Schule noch in der Nachbarschaft von der Haft, aus Angst vor Ausgrenzung. Das Kind lernt früh, dass über den eigenen Vater nicht gesprochen wird – und trägt Trennung, Verlustangst und Schuldgefühle mit sich herum, ohne dass jemand fragt.

Was die Landeskoordinierungsstelle in Bremen und Bremerhaven konkret macht

Die Landeskoordinierungsstelle ist für beide Städte zuständig und arbeitet als das, was die JVA Bremen einen „Wegweiser zwischen Familien, dem Gefängnis und der Kinder- und Jugendhilfe” nennt. Sie berät Angehörige, begleitet Familien bei der Frage, wie Kontakt kindgerecht gestaltet werden kann, vermittelt weiter – und schult Fachkräfte aus Justiz und Jugendhilfe, die in ihrer Ausbildung nie gelernt haben, mit dieser Situation umzugehen. Finanziert wird die Koordinierungsstelle u.a. von der Auridis Stiftung.

Pico jva landeskoordinierungsstelle kinder von inhaftierten

Daneben stehen Angebote, die klein klingen und viel bewirken. Bei „Ich lese für dich” nehmen inhaftierte Mütter und Väter in der Anstalt eine Gute-Nacht-Geschichte für ihr Kind auf, mit persönlichen Grüßen, manchmal einem Lied. Das Kind bekommt die Aufnahme als CD, Stick oder als “Tony” nach Hause. Wer nicht gut liest oder Deutsch nicht als Muttersprache spricht, bekommt den Text Satz für Satz vorgesprochen und wiederholt ihn – im fertigen Hörbuch hört man davon nichts.

Bei „Game with Mum and Dad” gibt es Familien-Spieltage in Oslebshausen, bei denen Vater, Mutter und Kind in einem Team spielen. „Rauszeit” organisiert einmal im Monat Ausflüge für Kinder und Angehörige. Alles kostenfrei.

Wer das für Sozialromantik hält, hat den Punkt nicht verstanden.

Familienkontakt im Strafvollzug ist keine Wohltat – er ist Teil der Sicherheitsarchitektur

Genau da liegt für mich der eigentliche Punkt: Die Strafe gilt dem Elternteil. Sie gilt nicht dem Kind. Ein Kind hat ein Recht auf Beziehung zu beiden Eltern, und dieses Recht endet nicht am Anstaltstor. Begleiteter Kontakt macht die Haft nicht weicher – er verhindert, dass an ihr eine ganze Familie zerbricht.

Und er zahlt sich für uns alle aus. Wer während der Haft die Bindung zu seinem Kind hält, hat nach der Entlassung einen Grund, es nicht wieder zu vermasseln. Resozialisierung beginnt nicht am Tag der Entlassung, sondern in der Besuchszeit. Das gilt für einen überfüllten Justizvollzug, wie wir ihn in Bremen haben, umso mehr.

Zwei Dinge folgen daraus. Erstens: Wir sollten wissen, um wie viele Kinder es in Bremen überhaupt geht. Ob ein Inhaftierter minderjährige Kinder hat, ist keine exotische Information – sie lässt sich beim Zugang erheben, und ohne sie planen wir im Blindflug. Dank der hoppenbank wird dies mittlerweile im Eingangsgespräch erfasst.

Zweitens: Diese Arbeit hängt derzeit an befristeten Projektmitteln von Stiftungen und europäischen Partnern. Für einzelne Vorhaben ist das in Ordnung. Für eine Landeskoordinierungsstelle, die Justiz und Jugendhilfe dauerhaft zusammenbringen soll, ist es zu wenig.

Ein Vater, der seinem Kind aus der Zelle eine Geschichte vorliest, ersetzt keine Familientherapie und keine Erziehung. Aber er bleibt ein Vater. Das ist mehr, als der Strafvollzug diesen Kindern bislang garantiert.

10. September 2026Justiz