Wohnpark Oberneuland: Warum Haltestellen ohne Buslinie und eine Schulfläche ohne Schule nicht reichen
Der Beirat hat Bedingungen gestellt. Geliefert wurden bisher Platzhalter.
„Wir sind in der heißen Phase.” So hat Stadtplaner Lars Lemke Ende August dem Beirat Oberneuland den Stand beim Wohnpark…

Simon Zeimke
Mitglied der Bremischen Bürgerschaft

„Wir sind in der heißen Phase.” So hat Stadtplaner Lars Lemke Ende August dem Beirat Oberneuland den Stand beim Wohnpark beschrieben. Im Herbst soll der politische Beschluss fallen, danach gehen die Pläne in die Auslegung. An der Verkehrsuntersuchung, am Entwässerungskonzept und an der Knotenpunktplanung werde aktuell noch mit Hochdruck gearbeitet, erläuterte er.
Was inzwischen feststeht, klingt nach einem sauber durchdachten Quartier: bis zu 720 Wohneinheiten, die Zufahrt an der Franz-Schütte-Allee gegenüber der Einfahrt zum Achterdieksee, eine eigene Linksabbiegerspur sowohl ins Neubaugebiet als auch zum See, zwei Bushaltestellen unmittelbar an dieser Kreuzung, dazu ein Carsharing-Angebot im Umfeld. Beim Spielen und Verweilen ist an mehrere Flächen gedacht, vom Sportplatz für Jugendliche bis zum kleinen Abenteuerspielplatz im östlichen Zipfel.
Genau da liegt für mich aber der eigentliche Punkt: Bei den drei Fragen, an denen sich für Oberneuland entscheidet, ob dieses Quartier funktioniert – Schule, Busanbindung, Entwässerung –, gibt es bislang überall Vorleistungen im Plan, aber nirgends eine belastbare Zusage.
Zwei Bushaltestellen sind noch kein ÖPNV-Anschluss
Der Wohnpark ist bewusst autoarm gerechnet. Pro Einfamilienhaus ist ein Stellplatz vorgesehen, in den Mehrfamilienhäusern nur auf jede zweite Wohneinheit ein Parkplatz. Ein solcher Schlüssel ergänzt den öffentlichen Nahverkehr nicht, er setzt ihn voraus.
Vorausgesetzt ist er allerdings bisher nur auf dem Papier. Der Beirat hat seine Unterstützung für das Projekt schon im April an zwei Bedingungen geknüpft: eine neue Grundschule und eine direkte Schnellbusverbindung in die Innenstadt. Die von der Behörde angedachte Übergangslösung, die verlängerte Linie 31, hat er ausdrücklich abgelehnt – dadurch würde nur eine Verlängerung der Fahrtzeit von jetzt schon mindestens 40 Minuten in die Innenstadt erfolgen. Beiratssprecherin Tamina Kreyenhop (CDU) und Stefan Kraß (Grüne) haben Ende August erneut betont, worauf es ankommt: dass die beiden geplanten Haltestellen am Ende auch tatsächlich von Bussen angefahren werden, und zwar vom geforderten Schnellbus statt von der Linie 31 mit ihrem Umweg über Horn-Lehe.
Wie belastbar Zusagen in dieser Frage sind, lässt sich im benachbarten Wohn- und Büropark besichtigen. Ortsamtsleiter Matthias Kook hat daran erinnert, dass Wirtschaftssenatorin Kristina Vogt (Linke) beim Richtfest des Medizinischen Labors zugesagt hatte, das Quartier an den ÖPNV anzuschließen. Darauf hätten sich die Gewerbetreibenden und er verlassen. Eingelöst ist diese Zusage bis heute nicht – stattdessen berichtet Kreyenhop, dass die Betriebe dort einen immer stärkeren Schwund von Mitarbeitern beklagen, die nicht motorisiert sind.
Eine Zusage beim Richtfest ist eben kein Fahrplan. Solange keine Linie beschlossen, bestellt und finanziert ist, sind die zwei Haltestellen an der Franz-Schütte-Allee zwei Schilder am Straßenrand.
Grundschule Oberneuland: Eine vorgehaltene Fläche ist keine Entscheidung
Bei der Schule ist die Lage noch unbefriedigender. Die Bildungsbehörde hat dem Beirat eine zweite Grundschule bereits im Frühjahr abgesagt. Begründet wurde das mit einer Prognose des Statistischen Landesamtes, wonach die Zahl der Sechs- bis Zehnjährigen ab 2027 zurückgeht, und mit Plätzen, die noch nicht vollständig ausgelastet seien. Stefan Kraß hat damals kritisiert, dass dabei der gesamte Planbezirk betrachtet wird: „Das ist für Grundschüler absolut unrealistisch.” Kreyenhop wies darauf hin, dass Oberneulander Kinder am Ende womöglich per Shuttlebus nach Borgfeld gefahren werden.
Die Planer haben darauf reagiert, indem sie eine Fläche in unmittelbarer Nähe der Zufahrt für einen gewissen Zeitraum als Schulgelände vorhalten. Das ist klug und deutlich besser als nichts. Eine Entscheidung ist es nicht, sondern deren Verschiebung: Niemand hat bisher gesagt, wann dieser Zeitraum endet, wer ihn verlängern kann und was mit der Fläche geschieht, wenn er ausläuft.
Vor allem aber gehört offengelegt, ob die bis zu 720 neuen Wohneinheiten in der Prognose überhaupt enthalten sind, mit der die Absage begründet wurde. Ein Neubaugebiet dieser Größe verändert die Zahl der Grundschulkinder im Stadtteil – wenn es in der Berechnung fehlt, ist die Berechnung schlicht überholt. Diese Frage muss beantwortet sein, bevor der Plan beschlossen wird, nicht wenn die ersten Familien eingezogen sind. Was passiert, wenn Schulplanung der Bebauung hinterherläuft, beschäftigt uns in Bremen an genug anderen Stellen; die CDU Bremen hat dazu Anfang des Jahres ein Positionspapier zur Bildung in Bremen vorgelegt.
Entwässerung in Oberneuland: Beschließen, bevor die Gutachten fertig sind
Spätestens seit dem Hochwasser Anfang 2024 ist Entwässerung in Oberneuland ein Thema, bei dem niemand mehr auf gut Glück plant. Die Vorkehrungen, die Landschaftsarchitekt Marek Schreckenberg und Dirk Kühling vom Wirtschaftsressort vorgestellt haben, sind für sich genommen plausibel: Das Baugelände wird um etwa einen Meter erhöht, die Häuser bekommen Gründächer, an den Straßen verlaufen Abwassergräben, die in das zentrale Fleet und von dort in den Graben am Achterdiekpark geleitet werden. Ein kleinerer Teil geht in den Bauerngraben am östlichen Rand, der dafür aufgeweitet wird. Der sandige Untergrund gilt als Vorteil, weil das Wasser gut ins Grundwasser abgeleitet werden kann.
Nur: Ein um einen Meter aufgehöhtes Gelände nimmt Wasser nicht auf, es gibt es weiter. Was diese Aufhöhung und die zusätzlichen versiegelten Flächen für die Grundstücke bedeuten, die 2024 unter Wasser standen, muss das Entwässerungskonzept nachrechenbar beantworten – nicht in Form der Zusicherung, dass schon alles passt.
Damit sind wir beim Kern. Lemke sagt selbst, dass Verkehrsuntersuchung, Entwässerungskonzept und Knotenpunktplanung noch bearbeitet werden. Im Herbst soll trotzdem beschlossen werden. Diese Reihenfolge ist verkehrt herum. Ein Beschluss, der auf Untersuchungen wartet, statt auf ihnen zu beruhen, verlagert das Risiko dorthin, wo es am wenigsten hingehört: zu den Anwohnern, die später mit dem Ergebnis leben.
Ich bin grundsätzlich für den Wohnpark. Oberneuland braucht Wohnraum, und die Planer haben in den vergangenen Monaten sichtbar nachgebessert. Aber Zustimmung darf nicht bedeuten, dass alles Unbequeme in die Zukunft verschoben wird. Vor dem Beschluss im Herbst gehören drei Dinge auf den Tisch: eine bestellte Buslinie mit festem Takt statt einer Absichtserklärung, ein Datum, zu dem die Schulfrage abschließend entschieden wird – inklusive Finanzierung, und ein fertiges Entwässerungskonzept mit Zahlen für die Bestandsbebauung. Sonst beschließt Bremen 720 Wohnungen und vertagt alles, was daraus ein funktionierendes Quartier macht.