KI-Rechenzentren in Bremen: 19 Megawatt sind zu wenig

Die KI-Welt kommt nach Bremen. Und findet das einzige Bundesland ohne einen einzigen geplanten Rechenzentrums-Zubau.

19 Megawatt. Das ist die installierte Anschlussleistung für Rechenzentren im Land Bremen. Bundesweit reicht das für den vorletzten Platz. Und…

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Simon Zeimke

Mitglied der Bremischen Bürgerschaft

KI-Rechenzentren in Bremen: 19 Megawatt sind zu wenig

19 Megawatt. Das ist die installierte Anschlussleistung für Rechenzentren im Land Bremen. Bundesweit reicht das für den vorletzten Platz. Und Bremen ist das einzige Bundesland, für das kein Zubau von KI-Rechenzentren angekündigt ist. Kein einziger.

Diese Zahl steht in einem Positionspapier, das meine Fraktion am 16. August beschlossen hat – pünktlich zu der Woche, in der mehrere tausend KI-Fachleute aus aller Welt zur IJCAI-ECAI nach Bremen kommen, der weltweit renommiertesten Konferenz für Künstliche Intelligenz. Die Konferenz ist ein Glücksfall für den Standort. Aber sie ist auch ein Spiegel: Die Fachwelt schaut auf Bremen, und die Frage ist, was sie sieht.

Die Antwort ist unangenehm zweigeteilt. Bei der Forschung steht Bremen hervorragend da – DFKI mit seinem Robotics Innovation Center, das TZI der Universität, MEVIS, BIPS, BIBA, das Zentrum für Industriemathematik. Anwendungsnahe Spitzenforschung mit internationaler Strahlkraft und einer überdurchschnittlich hohen Drittmittelquote, was in einem Haushaltsnotlageland kein Nebensatz ist. Bei allem, was danach kommt – Transfer, Anwendung, Infrastruktur –, wird es dünn. Im Bitkom Länderindex 2026 landet Bremen mit 60,6 Punkten auf einem mittleren 7. Platz, bei „Governance & Verwaltung” auf Platz 11 und bei „Digitale Gesellschaft” auf dem letzten Platz. Fünf KI-Start-ups gibt es im Land, rund 0,5 Prozent aller deutschen KI-Gründungen.

KI-Rechenzentren in Bremen: 19 Megawatt und kein Zubau

Ohne Rechenleistung keine KI-Anwendung. Das klingt banal, wird aber politisch bis heute wie eine Randfrage behandelt. Dabei sind Rechenzentren zusammen mit leistungsfähigen Breitband- und Stromnetzen die strategische Säule der Digitalwirtschaft – so, wie es früher Häfen und Schienen waren.

Die Bewegung im Markt ist gewaltig. Nach einer Bitkom-Studie sollen sich die Rechenzentrumskapazitäten in Deutschland bis 2030 nahezu verdoppeln, die KI-spezifischen sogar vervierfachen. Milliardeninvestitionen werden gerade verteilt. Bremen partizipiert daran derzeit nicht.

Grüner Strom, Hafenflächen, Fernwärme – Bremens ungenutzte Trümpfe

Denn der Standort hätte auffällig gute Karten: Nähe zu windstarken Küstenregionen und damit Zugang zu grünem Strom, verfügbare Hafen-, Industrie- und Konversionsflächen mit energetischer Anbindung, ein Fernwärmenetz, in das sich Abwärme wirtschaftlich einspeisen ließe, und kurze Wege zwischen Verwaltung, Netzbetreibern und Wirtschaftsförderung. Was bremst, sind nach Einschätzung wirtschaftsnaher Forschung kurzfristig weniger fehlende Erzeugungskapazitäten als fehlende Netzanschlüsse, nicht ausgewiesene Flächen und die Dauer von Genehmigungsverfahren. Über genau diese Hebel entscheidet das Land selbst. Nicht Berlin, nicht Brüssel.

Transferlücke Bremen: Spitzenforschung ohne Wertschöpfung

Der zweite Befund ist verwandt. Bremen ist Exporteur von KI-Forschungsergebnissen – die Verwertung findet zu oft anderswo statt. Im DPMA-Ranking 2025 liegt das Land mit 17 Patentanmeldungen je 100.000 Einwohner auf Platz 9, Mittelfeld.

Das Transferzentrum BREMEN.AI (KITZ) im Digital Hub Industry sollte hier Abhilfe schaffen: eine One-Stop-Plattform für bremische Unternehmen zum Thema KI. Die Idee war gut. Die Umsetzung war holprig. Der DHI selbst ist ein starker Ort – dort treffen Unternehmen mit praktischen Problemen auf die Technologie von morgen –, aber seine Finanzierung ist nur bis 2027 gesichert, und eine Zielvereinbarung mit messbaren Kennzahlen fehlt.

DFKI-Förderung gekürzt – gespart am größten Hebel

Parallel dazu hat der Senat die Landesförderung für das DFKI zurückgefahren: von 2,9 Millionen Euro im Jahr 2022 auf 2,4 Millionen Euro, festgeschrieben bis 2027 – inflationsbereinigt also noch deutlich stärker. Das ist betriebswirtschaftlich schwer nachvollziehbar. Das DFKI arbeitet im Drittelmodell: Jeder zusätzliche Landeseuro hat das Potenzial, zwei weitere Euro an Drittmitteln nach Bremen zu holen. Man spart hier an der Stelle, an der öffentliches Geld den größten Hebel hat.

Arbeitsmarktstrategie ohne das Wort „Künstliche Intelligenz”

Ähnlich fällt der Befund bei der Arbeitsmarktpolitik aus. KI verändert Berufsbilder schneller und tiefgreifender, als es die industrielle Revolution getan hat. Trotzdem kommt in der 38 Millionen Euro schweren Arbeitsmarktstrategie des Senats Bovenschulte das Wort „Künstliche Intelligenz” nicht ein einziges Mal vor. Beschäftigte in Produktion und Sachbearbeitung stehen vor Umbrüchen, für die es Umschulung und Qualifizierung braucht – und das Land hat dafür bislang keine strategische Klammer.

KI-Strategie Bremen: Umsetzung statt weiterer Machbarkeitsstudien

Genau da liegt für mich der eigentliche Punkt: Bremen hat kein Erkenntnisproblem, sondern ein Umsetzungsproblem. Die KI-Strategie des Landes stammt aus dem Herbst 2020. Die KI-Strategie für die öffentliche Verwaltung wurde im August 2024 per Memorandum of Understanding mit der Universität angestoßen – und liegt seit dieser Woche vor. Zwei Jahre für ein Strategiepapier, in einem Technologiefeld, das sich alle sechs Monate neu sortiert. Währenddessen plant der Senat weitere Machbarkeitsstudien und Workshops. Was fehlt, sind verbindliche Pilotprojekte mit messbaren Zielen: Bearbeitungszeit, Rücklaufquote, Zahlen, an denen man scheitern kann.

Drei Entscheidungen für den KI-Standort Bremen

Wir haben zehn Kernforderungen formuliert, und drei davon sind für den Standort in den nächsten Monaten entscheidend. Erstens: geeignete Gewerbeflächen mit Netzanschlusspotenzial ausweisen, Genehmigungen zentral bündeln und mit festen Fristen versehen – und Abwärmenutzung zum Markenzeichen bremischer Rechenzentrumsansiedlungen machen. Zweitens: den DHI und das KITZ über 2027 hinaus finanzieren und zu einem echten Hotspot für Start-ups, Mittelstand und Industrie weiterentwickeln. Drittens: die Verantwortung für Verwaltungsdigitalisierung in einem Senatsressort für Finanzen, Digitales und Verwaltungsmodernisierung bündeln, statt sie weiter über Häuser zu verteilen.

KI regulieren: Prinzipien statt Detailvorschriften im EU AI Act

Dazu gehört auch eine ehrliche Debatte über Regulierung. Der EU AI Act reguliert detailverliebt Konformitätsbewertungen, Dokumentationspflichten und Meldeverfahren – und belastet damit im Zweifel den Mittelständler, der ein KI-Tool einsetzt. Die entscheidende Frage beantwortet er nicht: Wo liegen die Grenzen maschineller Autonomie? Wir schlagen stattdessen wenige, technologieoffene Prinzipien vor: Für jede KI-gestützte Entscheidung gibt es einen benennbaren Verantwortlichen. Wer ein System kontrolliert, trägt die Beweislast. Kein System darf sich ohne menschliche Freigabe selbst verbreiten, seinen eigenen Code verändern oder sich selbst Rechenzeit und Zahlungsmittel beschaffen. Und wer von einer automatisierten Entscheidung betroffen ist, kann ohne Begründung und ohne Kosten eine menschliche Überprüfung verlangen. Das ist keine Technikfeindlichkeit – das ist die Voraussetzung dafür, dass KI Werkzeug bleibt und nicht Akteur wird.

Was nach der IJCAI-ECAI bleibt

Die IJCAI-ECAI wird vorbeigehen. Die Delegationen reisen ab, die Pressemitteilungen sind geschrieben, und dann entscheidet sich, ob die Woche mehr war als ein schönes Foto. Bremen hat die Forschung, die Flächen, den grünen Strom und die kurzen Wege. Was es nicht mehr lange hat, ist Zeit: Die Investitionsentscheidungen für die Rechenzentren dieses Jahrzehnts fallen jetzt. Wer bis 2030 nicht auf der Karte steht, steht dann auch 2040 nicht darauf.

19. August 2026Digitalisierung