Bildungsstreik in Bremen: Was steht da eigentlich drauf?
Jun 17th, 2009 | By Simon Zeimke | Category: | Deutschland, Featured, LeadArticle, Studium
Heute war Bildungsstreik in Bremen und auch bundesweit. In Bremen waren wohl ca. 2000 Schüler, Studenten, Lehrer, Erzieher und alle die sonst nichts besseres zu tun hatten auf der Straße. Um 11 Uhr ging es am Bahnhof los.
Nun, ich war einer der sonst nichts besseres zu tun hatte. Da wollte ich doch glatt ein paar Fotos machen. Es dauerte nicht lange und die ersten – meist schulschwänzenden – Demonstranten kamen auf mich zu:
“Ey, was fotografierst du hier rum, bist du Presse oder was?” oder auch “Du darfst mich gar nicht fotografieren…”
Hat mich nicht weiter gestört – war schließlich eine öffentliche Demonstration. Und da ich keine Einzelfotos gemacht habe, sondern lediglich die Demonstration im allgemeinen – so what? ”Transpi”-Träger wollen schließlich, dass ihr Argument in die Welt getragen wird – oder?
Da wären wir auch schon gleich bei einem Punkt der mir auf Demonstrationen immer wieder auffällt: die Sprache! Zum einen harte Reden, die durchaus aufstacheln und gegen-gegen-gegen sind und zum anderen das Verniedlichende: “Transpis” oder auch “Lauti-Wagen”. Sehr spaßig.
Man demonstrierte so vor sich hin. Es muss ungefähr nach einer Stunde Demo gewesen sein, als ich neben mir ein paar Jugendliche bemerkte, die ein solches Transpi hochhielten. Ein schön großes, dass man ihnen vom “Lauti-Wagen” gegeben hatte. Die Kiddies dürften ungefähr 11, 12, 13 Jahre alt gewesen sein. Nun liefen die schon eine stunde mit dem “Transpi” rum und irgendwann wurden sie dann doch neugierig:
“Was steht da eigentlich drauf?”
Ja, was steht da eigentlich drauf? Meine Güte – eine Stunde rennt man mit so einem Ding rum, ohne zu wissen was drauf steht!
Hier und da flogen mal ein paar Eier – meist geworfen von zwei gelangweilten Punks, die ihr Bier schon geleert hatten. Nun traf man nicht den Klassenfeind oder die böse Polizei – sondern die Mitdemonstranten. Naja hauptsache, man hat was gemacht.
Der “schwarze Block” war übrigens auch da – aber diesmal in der Anfänger Version – quasi der “schwarze Juniorblock”. Aber vermummt wie die großen, so standen sie vor dem Bildungssenat. Wo 2003 noch zig Studenten reingestürmt waren und den Laden mal auseinander genommen hatten – ja da standen die Vermummten und wussten nich mehr weiter. Da war das Etablishment so böse und hatte einfach die Schiebetür verschlossen. Gemeinheit sowas. Aber man hatte noch eine Geheimwaffe! Man spielte den fiesen Mitarbeitern des Bildungssenats einfach einen Klingelstreich *hihi* Das haben die davon!
Die Polizei musste sich interessanterweise Sprüche anhören wie:
“Ohne Bildung wirst du Polizist!”
Warum nun die Polizei hier angegangen wurde, wird mir ein Rätsel bleiben. Die hat sich nämlich sehr zurück genommen und weder bei Verstößen gegen das Vermummungsverbot, noch bei Böllern oder Bengalfeuern eingegriffen. Sie hatte alles im Blick und es war eben auch eine sehr ruhige Demo. Natürlich abgesehen von den alten Sprüchen wie
“Wir sind hier, wir sind laut – weil man uns die Bildung klaut” oder “Kostenlose Bildung für alle – sonst gibts Krawalle”
Immer wieder stiegen Menschen auf den “Lauti-Wagen”, um eine Rede zu halten oder ein Grußwort einer ausländischen Uni vorzulesen und simultan übersetzen zu lassen. Die Reden ähnelten sich vom Inhalt sehr stark. Die Studenten hatten meist den Bologna-Prozess, “abgeschaffte” Mittagspausen, Streichung von Professorenstellen in wichtigen Fachbereichen wie Soziale Arbeit oder die Straffung des Studiums zum Inhalt. Die Schüler und Gewerkschafter hatten dann noch die Lehrerbezahlung, Bezahlung der Erzieher, das Abitur nach 12 Jahren und Lehrmittelfreiheit im Blick. Alle jedoch schimpften auf das dreigliedrige Bildungssystem und lobten die Gesamtschule. Man solle doch nur mal nach Skandinavien blicken – dem PISA-Paradies.
Nun ist es ja so, dass in Deutschland der Bildungsabschluss in besonderer Weise davon abhängt aus welchem Elternhaus man stammt. Wichtiger als in jedem anderen europäischen Land. Das muss man ja leider zugeben. Komisch, wo seit den 70er Jahren das Bildungssystem immer und immer wieder in Hinsicht auf Chancengleichheit refomiert wurde. Den Umbau der Bildung hatten sich die 68er auf die Fahnen geschrieben – als Grundstein für einen Gesellschaftsumbau. Doch Chancengleichheit wurde nicht erreicht.
Das Bildungssystem ist unterfinanziert – darin waren sich auch heute alle einig. Die GEW zum Beispiel fordert, die Bildungsausgaben um 30 Milliarden zu erhöhen. Doch reicht es mehr Geld in ein System zu stecken, dass nicht einmal sicherstellt das die Kinder in einem Schuljahr klüger werden? 2006 kam eine PISA-Befragung zu dem Ergebnis, dass 40 Prozent der Schüler nach einem Jahr Mathe keine Leistungsfortschritte gemacht haben. Acht Prozent verzeichneten sogar Leistungsabnahmen. Ob da mehr Geld helfen kann ist fraglich. Und das die Deutschen unterdurchschnittlich viel für Bildung ausgeben ist ein Trugschluss. Das Institut der deutschen Wirtschaft hat errechnet, dass in Deutschland ca. 7000 Euro für einen Lernenden ausgegeben werden. Damit ist Deutschland in der Spitzengruppe – wie auch die OECD bestätigt. Traurig dabei ist, dass wir dieses Geld anscheinend nicht zielgerichtet investieren.
Nun wurde auch heute wieder mit Blick auf die skandinavischen Länder die Einheitsschule propagiert. Na klar, PISA hatte doch gezeigt, wie erfolgreich dieses Bildungssystem ist. Doch ist die Einheitsschule, die auch gerne Gesamtschule genannt wird, wirklich das Allheilmittel? In Nordrhein-Westfalen gibt es 217 Gesamtschulen, mehr als in anderen Bundesländern – die Reformer waren fleißig. Und doch landet NRW bei nationalen und internationalen Vergleichen immer wieder weit abgeschlagen auf den hinteren Plätzen. Komisch, so dachte man doch, die Gesamtschule würde allen was bringen. Die stärkeren Schüler ziehen die schwächeren mit und alle bringen bessere Leistungen. Und der Blick nach Schweden und Finnland beweist es doch!? Diese Länder sind nicht grade dicht besiedelt – ein mehrgliedriges Schulsystem wäre deshalb unwirtschaftlich. Ob diese Länder mit einem gegliederten Bildungssystem eventuell noch bessere Leistungen bei PISA gebracht hätten – darüber sagt die Studie nichts aus. Norwegen lag übrigens mit seiner Gesamtschule noch hinter Deutschland. Dagegen haben sich die Niederländer mit ihrem gegliederten Schulsystem ebenfalls in der PISA-Spitzengruppe positioniert. Komisch, liegt es vielleicht doch nicht daran wie homogen oder heterogen eine Klasse ist? Und selbst die Gesamtschulen müssen eine Auslese betreiben – es gibt an das Leistungsniveau angepasste Kurse für die Schüler. Dazu sagt Jürgen Baumert, Präsident des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung relativ nüchtern:
“Die Deutschen haben die falsche Diskussion geführt. Sie haben Glaubenskriege über die richtige Schulform geführt, statt sich darum zu kümmern, wie man Kinder klüger macht.”
Die Schlussfolgerung: Schule muss sich ändern, nicht die Schulform. Es ist nicht so wichtig, ob Kinder früh oder spät aufs Gymnasium gehen. Wie Schule funktionieren soll, muss die eigentliche Frage sein. Wie kann unser Bildungssystem Kinder klüger machen!?
Zum Abschluss vor der Bremischen Bürgerschaft gegen 14 Uhrwar hat sich Demonstrationsfeld schon ziemlich gelichtet. Das dürfte daran liegen, dass um 13 Uhr viele Schüler die Demo verließen – schließlich war ja Schulschluss und danach interessiert man sich dann doch nicht so sehr für bessere Bildung.
Interessant war übrigens noch, dass der Kapitalismus natürlich an allem Schuld war und ist – man muss ihn bekämpfen. Tja, gegen Kapitalismus skandieren lässt es sich eben ziemlich einfach mit einem Top von Dolce&Gabbana, einem T-Shirt von Ed Hardy oder Schuhen von Converse.
Ein paar Eindrücke vom Bildungsstreik im bewegten Bild:
Bildungsstreik in Bremen… das üben wir nochmal!
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Gut zusammengefasst.
“Tja, gegen Kapitalismus skandieren lässt es sich eben ziemlich einfach mit einem Top von Dolce&Gabbana, einem T-Shirt von Ed Hardy oder Schuhen von Converse.”
Inwiefern hat die Marke der Kleidung, die eine Person trägt, Einfluss auf den Wahrheitsgehalt der, von dieser Person artikulierten, Argumente gegen (oder für) den Kapitalismus (oder sonnst irgendetwas anderes)?
Du solltest dich vielleicht mal etwas sinnvoller mit dem Thema auseinandersetzen! Es gibt schon seit Jahren Studien, die zeigen, dass das Mehrgleidrige Schulsystem die Ungleicheit in Deutschland fördert. Desweiteren, ist der Grund, warum in NRW schlechtere Ergebnisse, als in anderen Bundesländern erzielt werden. der das in NRW wesentlich mehr Schüler_innen aus benachteiligten Schichten leben.
Vielleicht solltest du mit dem Neoliberalen Gelaber aufhören und erstmal lesen!
Gute Nacht
@egal normalerweise lasse ich kommentare, die ohne gültige Mailadresse abgegeben werden nicht zu. Aber nun mach ich mal eine Ausnahme. Wenn du mal genau meinen Text liest, dann wird dir auffallen, dass ich nicht über die Glaubwürdigkeit der Kritisierenden geurteilt habe.
Was ich geschrieben habe ist, dass es einfacher ist gegen den Kapitalismus zu skandieren, wenn man selbst allem Anschein nach von dem System profitiert hat.
Genau genommen geht es bei solchen Veranstaltungen doch den Organisatoren auch nicht um die Sache, sondern um Profilierung und Instrumentalisierung. Schüler begreifen solche Demos als Chance, haben vielleicht in der Tat auch zu klagen, und leiden dann unter solchen Chaoten. Einmal abgesehen davon: Ich wünsche manche von diesen Linken mal echte Probleme. Da sind manche einfach zu verwöhnt.
Allein das VERDI daran teilgenommen hat, dürfte doch allen zeigen wozu diese Demonstration eigentlich da war. Nämlich zur linken Meinungsmache weit ab von irgendwelchen teilweise abstrusen Forderungen für das Schulsystem.
@egal wer ein EdHardy Shirt trägt und gegen Kapitalismus skandiert weiss offensichtlich nicht was Kapitalismus ist. Ich spreche allerdings auch 98% der Beteiligten jegliches Verständnis der Wirtschaft und “des bösen Kapitalismus ab”. Die anderen 2% sind die von den Demonstranten geschmähten Polizisten!
@simon:
“Was ich geschrieben habe ist, dass es einfacher ist gegen den Kapitalismus zu skandieren, wenn man selbst allem Anschein nach von dem System profitiert hat.”
Da hast du wohl Recht, schließlich haben diejenigen denen es in diesem System besser geht auch viel bessere Möglichkeiten sich Gedanken um den ganzen Laden zu machen… (Bildung z.B. – schreibst du ja beim Thema Chancengleichheit selbst) Aber auch priveligiert sein macht das “skandieren gegen den Kapitalismus” nicht mehr oder weniger richtig.
@FYI
“@egal wer ein EdHardy Shirt trägt und gegen Kapitalismus skandiert weiss offensichtlich nicht was Kapitalismus ist”
Wieso ist das so offensichtlich? Mal ein Beispiel: Person X mit EdHardy Shirt äußert Aussage A über den Kapitalismus. Person Y mit Kik Shirt äußert dieselbe Aussage A über den Kapitalismus. Ich äußere Aussage A über den Kapitalismus im Internet. (du kannst nicht sehen was für ein T-Shirt ich anhabe) (Für Simon: Person X ist Student mit reichen Eltern, Person Y Hauptschulabgängerin)
Ist Aussage A nun wahr oder falsch?
und:
Was haben die T-Shirts zum Wahrheitsgehalt von A beigetragen?
@egal über Wahrheitsgehalt habe ich immernoch nichts gesagt. Nur müsste man sich mal vor Augen führen, was wir in den letzten Jahrzehnten für einen Reichtum erwirtschaftet haben. Der Kapitalismus gibt grundsätzlich jedem die Chance mit seiner Leistung auch einen Gewinn zu erwirtschaften. Im Idealfall kann man aus der Unterschicht in die Oberschicht aufsteigen, aber auch wieder aus der Oberschicht in die Unterschicht abrutschen. Die Chancengleichheit ist im Kapitalismus gegeben – wird aber durch da Bildungssystem nicht gewährleistet. Das Bildungssystem ist aber nicht wegen der Schulform (Einheitsschule oder gegliedert) chancengleich. Das Problem liegt eher darin, wie die Bildung funktioniert. Lieber unterschiedlich gut, als alle gleich schlecht.
Im übrigen ist ein Kik-T-Shirt nur mit Kapitalismus möglich… ohne ihn könnten keine so günstigen T-Shirts produziert werden.
Dieses Gelaber von wegen wer Markenklamotten trägt, profitiert vom Kapitalismus ist wohl das Dümmste was ich je gelesen habe. Nur weil man Markenklamotten konsumiert, ist man nicht gleich Profiteur der kapitalistischen Verwertungs”logik”. Ihr labert ernsthaft so einen Quatsch, bringt so ein dämliches Bild von offensichtlich keinen Linken (hab noch nie im Block Leute gesehen, die solch auffällige Tücher & Pullies getragen haben) und redet davon, dass Linke keine Ahnung vom kapitalistischen Wirtschaftssystem haben?
Ihr habt gar nichts verstanden, wenn ihr Konsumgüter mit Anschauungen vermischt, und nicht versteht was der Kapitalismus mit dem Bildungsnotstand zu tun hat. Wenn die Schüler später produktiver werden, wenn sie kleinere Klassen haben, oder gar kostenlose Lehrmittel (was im Kapitalismus nie so sein wird) dann wird das auch eingesetzt. Aber das wird es wohl nicht. Der Kapitalismus gibt diesen Forderungen keine Chance.
Kein Frieden mit dem Kapitalismus!